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Posts published by “Barbara Bohr”

Das erste Leben des Metaversums

Gemäss Facebook aka Meta ist das Metaverse “the next evolution of social connection”: eine Art 3D-Modell des Internets, in der wir uns treffen und Geschäfte miteinander abschliessen. Deshalb hat Facebook im letzten Jahr seinen Namen entsprechend geändert. Das Metaverse steht für die Strategie des Technologieunternehmens schlechthin. Wie kam Mark Zuckerberg auf diesen Namen? Ganz einfach: Er hat ihn in einem Science-Fiction-Roman gefunden. Diesen Roman, Neal Stephensons Snow Crash, haben wir für Euch neu gelesen.

Worum geht es in dem Roman?

Hiro Protagonist ist Programmierer in einer dystopischen, urbanen Zukunft. Diese Zukunft ist geographisch an der Westküste der USA verortet. Hiro verdient sein Geld mit dem Ausliefern von Pizzas. Er tut dies im Auftrag der Mafia. Ausserdem ist er Information Broker für die ehemalige CIA, versucht also über das Sammeln und Hochladen von Daten irgendwie zu Geld zu kommen. Denn mit dem Programmieren ist in dieser Zukunft kein Geld mehr zu verdienen.
Er verbringt viel Zeit im Metaverse. Das ist ein virtueller Ort, an dem sich die Menschen mit ihren selbst gestalteten Avataren treffen. Hiro war einer der Basisentwickler dieser virtuellen Welt. Dort wird er plötzlich mit Snow Crash konfrontiert. Das ist ein Computervirus, der zum Systemabsturz führt.  Das Besondere an diesem Computervirus: Snow Crash kann auch Menschen krank machen. Zusammen mit dem Teenager Y. T., die ebenfalls als Kurier arbeitet, und seiner ehemaligen Freundin Juanita Marquez ermittelt Hiro, worum es dabei geht. Sie kommen einer Verschwörung auf die Spur, welche von L. Bob Rife initiiert wurde, dem Eigentümer des weltweiten Glasfasernetzes und Förderer einer Sekte.

Das Buch hat neben der temporeichen Handlungsebene auch eine philosophisch-linguistisch-religiöse Ebene (ganz schön meta eben), die den Ursprung des Virus zu verstehen versucht. Diese Ebene wird durch Gespräche zwischen Hiro und einem virtuellen Bibliothekar im Metaverse in die Handlungsstränge integriert.

Ist das die Zukunft, die wir wollen?

Was also hat Zuckerberg motiviert, eine solch düstere literarische Welt als Vorbild für die Zukunft sozialer Beziehungen zu nehmen? Sieht er sich als Erlöser, der uns von den kommunikativen Beschwerden des Lebens befreien kann? Oder ähnelt er vielleicht doch eher dem machthungrigen L. Bob Rife? Ganz nach dem Motto: Wer die Technologie beherrscht, beherrscht die Welt. Der Business Case schaut jedenfalls auf dem Papier verheissungsvoll aus.

Während wir uns mit den literarischen Ursprüngen des Begriffs beschäftigt haben, fand auf Decentraland, einem Marktplatz für digitale Assets, bereits die erste Metaverse-Fashion-Week statt – mit vielen grossen Namen aus dem Mode-Business und ganz realen Umsätzen. Da gab es Runway Shows, Flagship Stores, Paneldiskussionen und After Parties. Der YouTube-Channel gmw3 hat ein interessantes Walkthrough des Events erstellt.

Ist das denn schon mehr, als wir es von Second Life bereits kennen? Was haltet Ihr denn von dem Buch und seinem Effekt irl? Wir diskutieren den Roman und seine Wirkung als Blaupause der aktuellen Technologie-Entwicklung im MikroBuch31 und freuen uns über Eure Beteiligung.

Wir danken dem Fischer TOR Verlag, dass er uns Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt haben. Der Roman von 1992 ist im Oktober 2021 in neuer deutscher Übersetzung erschienen. Übersetzt wurde das Buch von Alexander Weber.

Barbara Bohr
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