Geht Kollektivierung auch ohne Staat? Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom meint: ja, durchaus. Wir diskutieren ihre Ansätze in der nächsten Buchkritik der Mikroökonomen.

Die Debatten der letzten Wochen um die Vorschläge Kevin Kühnerts zeigen: Kollektivierung wird mit Zwangskollektivierung von Privateigentum gleichgesetzt. Der Staat enteignet.

Dabei geht gerne unter, dass Kollektivierung sehr wohl auch durch einen freiwilligen Zusammenschluss von Menschen zustande kommen kann. Ein solches Kollektiv hat zum Ziel, bestimmte Ressourcen besser zu nutzen. Dies war historisch bei Allmendegütern der Fall. Darunter versteht man Ressourcen, die aus einem selbstorganisierten Prozess der Nutzung stammen. So umfasste früher die Allmende den gemeinschaftlichen Besitz und die Nutzung einer Ressource in Forst-, Land- und Wasserwirtschaft. Es handelt sich um ein Kollektivgut, das begrenzt verfügbar ist und von dessen Nutzung niemand einfach so ausgeschlossen werden kann. In der Deutschschweiz gibt es in jedem Dorf einen Platz oder eine Wiese, die „Allmend“ heisst. Das war früher die Wiese im Dorf, die alle nutzen durften. In meinem Dorf heisst heute die Sekundarschule „Allmend“.

Hardins Tragödie der Allmende

Dass in der aktuellen Diskussion die Idee der Allmende zur Problemlösung ausgeschlossen wird, hat mit Garret Hardins Essay «The tragedy of the commons» zu tun. Er vertrat die These, dass jeder Berechtigte seine Nutzung der Allmende maximiere. Steige die Nutzerzahl immer weiter an, werde sie mit der Zeit übernutzt. Kehren wir zur Schweizer Dorfwiese zurück: Wenn jeder zu viele Schafe auf die Allmend schickt, wird sie schnell abgefressen. Es ist nicht mehr genug für alle da. Die Wiese kann sich nicht mehr erholen. Das ist ein ökonomisches und ökologisches Desaster! Für Hardin und viele Ökonomen gibt es nur einen Ausweg aus dieser Not: die Privatisierung. Sie sorgt dafür, dass die Eigentümer am langfristigen Erhalt ihrer Ressource interessiert sind. Die Nutzung der Ressource wird dann über den Preis geregelt. Ein Ausschluss ist möglich. Die zweite Lösung sieht die Verstaatlichung vor. Dann regelt der Staat die Nutzung. In diesem Spektrum bewegen sich auch die aktuellen Diskussionen: privat oder staatlich. Alles andere sieht nach Ressourcenverschwendung aus.

Ostroms Allmende-Studien

Elinor Ostrom ist da anderer Ansicht. Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin von 2009 hat ihr gesamtes Werk dem Umgang mit Allmenden gewidmet. Sie hat konzeptionell und empirisch herausgearbeitet, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen sehr wohl selbstverantwortlich als Kollektiv handeln und ihre Allmende gemeinsam beschützen können. Gerade in Bezug auf die ökologische und soziale Krise erscheinen ihre Erkenntnisse attraktiv. Sie lockt mit der Aussicht, dass es zusätzliche Lösungsmodelle geben könnte, die jenseits des gängigen «Privatisierens» oder «Verstaatlichens» stehen. Allmende soll nicht nur eine nostalgische Idee sein, Wirtschaftsformen des Mittelalters wiederzubeleben, sondern kann auch in der modernen Welt umgesetzt werden. Das schliesst auch Wohnungen und Mobilität ein.

Ihr Werk ist in der Öffentlichkeit immer noch recht wenig bekannt. Dies mag daran liegen, dass sie von ihren Lesern viel verlangt. Sie verweigert sich der Modellbildung bzw. Verallgemeinerung. Das kommt auf dem Markt der eingängigen Ideen nicht gut an. Ihre Studien entziehen sich auch den gewöhnlichen Lagereinteilungen von Links vs. Rechts, Keynes vs. Hayek, Staat vs. Privat. Die Politikwissenschaftlerin möchte diese einfachen binären Strategien überwinden, damit die Ökonomie der komplexen Realität besser gerecht wird. Polyzentrismus ist ein Schlüsselwort in ihrem Werk, mit dem sie das Zusammenspiel der Institutionen untereinander beschreibt.

«When the world we are trying to explain and improve, however, is not well described by a simple model, we must continue to improve our frameworks and theories so as to be able to understand complexity and not simply reject it.»

Elinor Ostrom (2010): Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. The American Economic Review. Vol. 100, No. 3, 665.

Zugänge zu Elinor Ostrom

Das Paper, das aus ihrer Nobelpreisrede entstand, ist sprachlich und konzeptionell schwere Kost. Wer sich das sperrige Paper nicht zumutet und dennoch mitdiskutieren möchte, kann alternativ folgende Zugänge zu Ostroms Werk nutzen:

Ihre Nobelpreisrede:

Silke Helfrich hat eine deutsche Zusammenfassung ihrer wesentlichen Schriften zusammengestellt: https://www.solawi.ch/wordpress-solawi/wp-content/uploads/was_mehr_wird_wenn_wir_teilen.pdf

Viel Spass bei der Lektüre!

Posted by Barbara Bohr

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