Als Peter Altmaier seine Industriestrategie 2030 neulich vorstellte, formulierte das Bundeswirtschaftsministerium defensiv und vorsichtig:

Sie (die Industriestrategie, Anm. B.Bohr) definiert, in welchen Fällen ein Tätigwerden des Staates ausnahmsweise gerechtfertigt oder gar notwendig sein kann, um schwere Nachteile für die eigene Volkswirtschaft und das gesamtstaatliche Wohl zu vermeiden. Sie ist zugleich ein Beitrag zur Gestaltung einer zukunftsfesten Marktwirtschaft und Basis für eine ordnungspolitische Debatte. (BMWI)

Die Pressestelle des BMWI wusste wohl um die Reaktionen, die die Ankündigung hervorrufen würde. Und die Schelte kam denn auch prompt: Der Staat habe sich in einer Marktwirtschaft gefälligst aus dem Marktgeschehen herauszuhalten, hiess es mehrheitlich. Innovation und Markt seien Sache der Unternehmen (das beobachteten etwa die FAZ, die Welt und das Handelsblatt). Staatliche Industriepolitik sei ein Griff in die «Mottenkiste». Am besten sei es die Grundlagenforschung zu fördern, ergab die Diskussion im „Ökonomischen Quartett“.

Der innovative Staat

Wieso eigentlich? Woher kommt dieser schlechte Ruf des Staats, wenn es um Wertschöpfung geht? Die Ökonomin Mariana Mazzucato interessiert sich seit langem für diese Frage. 2014 schrieb sie ein erstes Buch über die Innovationskraft des Staates. Sie zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass nicht die Unternehmen für wesentlichen Fortschritt sorgen, sondern der Staat eine unverzichtbare Rolle als Innovator einnimmt. Damit geht sie selbstbewusst in eine Gegenposition zu staatsskeptischen Vertretern, die eher darauf hoffen, dass technologische Innovationen den Staat endgültig überflüssig machen.

Wie der Wert in die Welt kam und der Staat dabei leer ausging

In ihrem neuen Buch «The Value of Everything” geht sie der Frage nach, wie es dazu kam, dass der Staat aus seiner wertschöpfenden Rolle vertrieben wurde. Denn die Gewinne aus zahlreichen Innovationen, z.B. das Internet, das Web oder auch die GPS-Daten, würden derweil private Firmen einstreichen. Dafür holt sie historisch weit aus und zeichnet die Entwicklung des Wertbegriffs in der Volkswirtschaftslehre vom Merkantilismus über die Grenznutzentheorie bis zur heutigen «Wertabschöpfung» in zahlreichen Branchen nach.

Ihr Ziel ist es nachzuweisen, dass viele der heutigen Industrien – allen voran der Finanzsektor – weit weniger produktiv sind als angenommen. Im Vergleich, so ihre Hauptthese, komme der Staat als Wertschöpfer zu schlecht weg. Das Narrativ, dass der Staat die Kreise der Wirtschaft mehr störe als fördere, sei oft übermächtig, klagt sie.

Mazzucatos Blueprint für aktive Industriepolitik

Deshalb entwirft Mazzucato eine neue politische Ökonomie, die dem Staat als Wertschöpfer den Platz einräumt, den er ihrer Meinung nach verdient. Zum Nutzen aller – auch wegen der Arbeitsplätze, aber nicht nur. Doch dazu muss das aktuelle ökonomische Konzept von «Wert» überarbeitet werden.

Wie das genau funktionieren soll und kann, werden wir im nächsten MikroBuch-Podcast diskutieren. Welchen «Mehrwert» kann der Staat, abgesehen von seiner ordnungspolitischen Rolle, tatsächlich selber schaffen? Seid dabei. Bringt euch via Twitter oder Kommentarfunktion in die Diskussion ein!

Das Buch ist seit Mitte März auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Der Campus-Verlag hat uns für den Podcast einen Vorabdruck zur Verfügung gestellt.

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Posted by Barbara Bohr

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