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Freundschaft, die schwächelnde Währung

All the lonely people
Where do they all come from?
All the lonely people
Where do they all belong?
(“Eleanor Rigby”, Lennon/McCartney)

Woher kommen sie, all diese einsamen Menschen? Und was bedeutet Einsamkeit für unsere Gesellschaft? Bereits vor Corona haben sich ca. 12% aller Deutschen häufig oder ständig einsam gefühlt. Ein Drittel spürt zumindest manchmal Einsamkeit. In Grossbritannien gibt es deshalb bereits ein Einsamkeitsministerium (Hertz, S. 16). Nicht ohne Grund, denn individuelles Empfinden hat seinen gesellschaftlichen Preis. Diesen Zusammenhang untersucht die englische Ökonomin und Autorin Noreena Hertz in ihrem neuen Buch Das Zeitalter der Einsamkeit. Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt. Wir werden das Buch in der 23. Folge des MikroBuch-Podcasts bei den Mikroökonomen vorstellen.

Intention

Hertz‘ Intention ist es nachzuweisen, dass

Einsamkeit… nicht einzeln auf[tritt], sie ist Teil eines ganzen Ökosystems. Wenn wir also der Einsamkeitskrise entgegenwirken wollen, ist ein Wandel des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systems unabdingbar, und gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass wir selbst ebenso Verantwortung tragen.

Noreena Hertz, Das Zeitalter der Einsamkeit, Hamburg: HarperCollins, 2021, S. 295.

Definition

Dafür erweitert Hertz die psychologische Definition von Einsamkeit, die auf dem persönlich empfundenen Mangel an Liebe, Gesellschaft und Intimität beruht. In Hertz’ Sichtweise schliesst Einsamkeit auch «mangelnde Unterstützung oder Vernachlässigung durch unsere Mitbürger, unsere Arbeitgeber, unserer Gemeinde, unsere Regierung» (S. 19) ein. Letztlich geht es ihr bei der Definition der Einsamkeit nämlich auch um das Gefühl, dass Menschen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ausgeschlossen werden (S. 19). Damit schliesst sie an Hannah Arendt an, die die Grunderfahrung menschlichen Zusammenseins, die in totalitärer Herrschaft politisch realisiert wird, als Erfahrung der Verlassenheit gedeutet hat:

Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird, oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft. (…) In der Verlassenheit sind Menschen wirklich allein, nämlich verlassen nicht nur von anderen Menschen und der Welt, sondern auch von dem Selbst, das zugleich jedermann in der Einsamkeit sein kann.

Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München: Piper, 2009, 977.

Aktualität

Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass das oft verschwiegene Thema Einsamkeit – wer möchte in einer Welt, die den eigenen sozialen Status an der Anzahl der “Freunde” misst, schon als einsam gelten? – endlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Wenn ich beispielsweise den Suchbegriff bei Twitter eingebe, erhalte ich inzwischen nicht nur inhaltliche Treffer, sondern auch einen Hinweis mit der Telefonnummer der Dargebotenen Hand. Das ist die Telefonseelsorge der Schweiz. Doch Corona hat die Einsamkeit nur stärker sichtbar gemacht. Die Ursachen für den erlebten Mangel liegen viel tiefer.

Ursachen

In ihrem narrativ geprägten Buch analysiert Hertz unter Rückgriff auf zahlreiche aktuelle Studien die verschiedenen Facetten ihres erweiterten Begriffs von Einsamkeit:

  • Medizinische Aspekte: Einsamkeit macht krank.
  • Individual- und Sozialpsychologische Konsequenzen: Einsamkeit macht aggressiv.
  • Das Schwinden der physischen Infrastruktur, die soziale Interaktionen ermöglicht: Aufenthaltsorte werden zu Durchgangsstationen.
  • Die Vereinzelung findet vor dem Bildschirm statt – privat und beruflich.
  • Freundschaft und Gemeinschaft als Geschäftsmodell verstärken das Erleben von Einsamkeit.

Kritik am Wirtschaftssystem

Dabei übt sie ausführlich Kritik am politischen und wirtschaftlichen System des Neoliberalismus: Wenn sich alle nur noch um sich selber kümmern, kümmert sich niemand mehr um uns. Sie zeigt damit genau die Schattenseiten auf, die Plumpe in seiner Lobrede des Kapitalismus nicht erwähnte. Das Abschlusskapitel zeigt dann Wege auf, die die Gemeinschaft wieder fördern können. Wie diese Wege aussehen, werden wir im Podcast besprechen.

Falls Ihr mitdiskutieren möchtet, aber keine Zeit habt, Euch das Buch genauer anzuschauen, dann empfehle ich Euch zur Vorbereitung Folge 184 des Podcasts Hidden Forces:

Kostenlose Rezensionsexemplare wurden uns freundlicherweise von HarperCollins zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank!

Barbara Bohr
Barbara Bohr

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