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MikroBuch: Die Zonenbauer – Besuch bei alten Bekannten (Quinn Slobodian – Kapitalismus ohne Demokratie)

Für die neue MikroBuch-Folge haben wir Quinn Slobodians aktuelles Buch Kapitalismus ohne Demokratie. Wie Marktradikale die Welt in Mikronationen, Privatstädte und Steueroasen zerlegen wollen (Suhrkamp, 2023, aus dem Englischen von Stephan Gebauer) gelesen. Wir trafen dabei auf lauter alte Bekannte aus früheren Sendungen.

Zusammenfassung des Buches

Quinn Slobodians Buch Kapitalismus ohne Demokratie untersucht die Vision eines grenzenlosen Kapitalismus, der die Welt in eigens eingerichtete Zonen, wie Mikronationen, Privatstädte, Sonderwirtschaftszonen und Steueroasen, aufteilt. Der kanadische Historiker, Professor für Internationale Geschichte an der Boston University, geht dabei der These wichtiger Investoren und Vordenker nach, dass wahre Freiheit nur erreicht werden kann, wenn die Demokratie überwunden wird. Denn die Demokratie begrenzt die wirtschaftliche Freiheit und damit im Verständnis dieser marktradikalen Ideologie die Freiheit des Einzelnen. Slobodian beleuchtet umfassend die unterschiedlichen Traditionen marktradikaler Ideen, die darauf abzielen, wirtschaftliche Fragen von demokratischer Einflussnahme zu befreien und stattdessen in internationale Organisationen zu übertragen.

Definition einer Zone

Ein zentrales Element seiner Ausführungen, die zur Aushebelung demokratischer Strukturen führt, ist die Idee der Zone. Slobodian gibt uns eine allgemeine Definition von dem, was er unter Zone versteht, wenn es auch viele unterschiedliche Ausformungen dieser zentralen Idee gibt, der er in seinem Buch nachgeht:

Was ist eine Zone? Auf einer grundlegenden Ebene ist sie eine Enklave, die aus dem Territorium eines Nationalstaats herausgelöst und von den üblichen Formen der Regulierung ausgenommen wird. Innerhalb einer Zone werden oft die Besteuerungsbefugnisse aufgehoben, so dass Investoren, die dort tätig werden, de facto selbst festlegen können, an welche Regeln sie sich halten wollen. Zonen sind beinahe extraterritoriale Gebiete: Sie gehören zum Gastland und sind zugleich von ihm getrennt.

(Slobodian, 2023, S. 12)

Schauplätze

Er führt uns an Orte wie Hongkong, Mutter aller Zonen, und Singapur, aber auch nach Südafrika, Dubai, Honduras, Kroatien, Liechtenstein, und in den beschaulichen Thurgau, um die Umsetzung dieser neoliberalen Utopien zu veranschaulichen. Dass diese Ideen nicht nur zukunftsgerichtet, sondern auch rückwärtsgewandt sind und sich zum Teil mittelalterlicher Vorstellungen gesellschaftlicher Vereinbarung bedienen, führt Slobodian ebenfalls aus.
Das Buch wirft wichtige Fragen zur Zukunft der Demokratie und des Kapitalismus auf und zeigt, wie bestimmte Gruppen eine Welt formen wollen, die von demokratischen Prinzipien entkoppelt ist. In einem Interview mit der schweizerischen Wochenzeitung hat Slobodian seine Motivation für das Buch erläutert:

Üblicherweise wird die Entwicklung von geografischen Einheiten nach 1989 als zunehmend grösser und integrierter beschrieben: Man denke an die Gründung der Europäischen Union oder den Abschluss des Nafta-Freihandelsabkommens zwischen Kanada, den USA und Mexiko. Sieht man sich aber die Herausbildung der Zonen an, erkennt man darin eine zunehmende Perforation der Nationalstaaten: Man sieht überall kleine Löcher in den Rechtsgebieten. In den frühen siebziger Jahren gab es weltweit weniger als 100 Sonderwirtschaftszonen, heute sind es fast 6000. Ich wollte mit meinem Fokus auf diese geografische Einheit ein neues Narrativ für die Zeit nach dem Ende des Kalten Kriegs entwickeln.

woz, 21.12.2023

Ein populäres Sujet

Wir haben bei der Lektüre viele alte Bekannte aus früheren MikroBuch-Sendungen getroffen. Vielleicht für uns und Euch ein guter Zeitpunkt, dort nochmals reinzuhören, wie aktuell diese Ideen weiterhin sind: Omnipräsent im Buch als Ideengeber ist Peter Thiel, über den wir in mehreren Episoden gesprochen haben (u.a. haben wir im MikroBuch11 sein Buch From Zero to One vorgestellt). Seine Förderung des Seasteading als freier Wirtschaftszone auf hoher See hat uns auch bei der Besprechung von Theresia Enzensbergers Roman Auf See beschäftigt (MikroBuch35). Neben den Wirtschaftswissenschaftlern Friedrich Hayek, Milton Friedman und Ludwig von Mises hat Thiel die gesamte jüngere Generation an Marktradikalen maßgeblich beeinflusst. Von marktradikalen Wirtschaftswissenschaftlern ist auch das Staatsverständnis Rainer Zitelmanns beeinflusst, dessen Mantra, dass es den Menschen dort besser geht, wo wirtschaftliche Freiheit herrscht, wir im MikroBuch4 unter die Lupe genommen haben. Zu guter Letzt steht die Idee der Zonen sogar am Beginn unserer gemeinsamen Buchbesprechungen: Die Kritik an Titus Gebels Privatstädten hatten wir zum Thema unserer ersten MikroBuch-Folge gemacht.

Wir haben nicht zu jedem der Vordenker des demokratielosen Kapitalismus eine eigene Folge produziert, aber folgende Namen bzw. Ideen, die in Slobodians Ausführungen ebenfalls eine Rolle spielen, tauchen auch in unseren Besprechungen immer wieder auf: Paul Romers Charter Cities, die Mont Pèlerin Society oder die honduranische Sonderwirtschaftszone Roatán. Nicht zuletzt spielt laut Slobodian auch Neal Stephensons fiktionale Idee des Metaverse aus seinem Roman Snow Crash eine Rolle bei der Entwicklung des demokratielosen Kapitalismus (MikroBuch31), womit sich auch die Frage aufdrängt, inwiefern die Digitalisierung insgesamt zur Verdrängung demokratischer Strukturen beiträgt (was wir anhand Philipp Staabs Buchessay Digitaler Kapitalismus besprochen haben, s. MikroBuch11).

Diskussion

Das Thema des Buches ist also populär. Die Demokratie steht in der Kritik. Die Botschaft scheint klar: Die Wirtschaft braucht keine Demokratie. Im Gegenteil: Die Demokratie behindert die Wirtschaft. Doch was brauchen wir als Gesellschaft, damit es uns gut geht?

Diskutiert mit uns und besorgt Euch das Buch. Es ist direkt bei Suhrkamp wie auch im allgemeinen Buchhandel erhältlich.

Als Einführung eignet sich Buchvorstellung mit dem Autor Quinn Slobodian beim Jacobin magazin:

Wir danken dem Suhrkamp-Verlag, dass er uns die Druckfahnen der deutschen Übersetzung kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Barbara Bohr
Barbara Bohr

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