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In dieser Folge spricht Marco Herack mit Olaf Storbeck von der Financial Times (FT‘) über den Fall Wirecard. Es geht um die Recherchen der FT, das Erleben der Skepsis in Deutschland und die Rolle der Prüfer sowie der Aufsicht.

Transkript der Folge (auch im Podigee-Player kodiert)

Marco Herack: Bevor wir in das heutige Mikrogespräch einsteigen, ein kleiner Hinweis: Wir hatten bei der Aufnahme ein paar technische Probleme. Das führte dazu, dass die Tonqualität stellenweise nicht ganz so gut ist. Wir haben das dann nach einem kleinen Höhepunkt wieder in den Griff bekommen. Aber zu 100% zufrieden sind wir mit der Sache natürlich nicht. Wir können bloß momentan wenig daran ändern, also Neuaufnahme war keine Option, sonst hätten wir es gemacht. Aber es sollte alles hörbar sein. Wie gesagt, durch die Stelle mit dem Höhepunkt kommt ihr hoffentlich durch, ich denke, das Gespräch ist dann auch interessant genug. Dankeschön für euer Verständnis, jetzt beginnt die Folge. Heute ist Dienstag, der 30. Juni 2020, willkommen zum fünften Gespräch der Mikroökonomen. Ich freue mich heute ganz besonders, Olaf Storbeck von der Financial Times zu begrüßen. Hallo Olaf!

Olaf Storbeck: Hallo aus Frankfurt.

Marco Herack: Olaf, wir haben auch dank der Financial Times in den letzten Monaten sehr viel über Wirecard zu lesen bekommen. Für die einen war es ein Krimi, für die anderen einfach nur ein „Hä, was?“

Olaf Storbeck: Für viele war es auch ein Millionengrab.

Marco Herack: Ja, oder eben das Gegenteil davon, es haben ja auch ein paar Leute dran verdient. Ich glaube, das wissen mittlerweile alle, die es hören: Wirecard befindet sich in Insolvenz, es gibt den Vorwurf der Bilanzfälschung, der Vorstand Markus Braun war kurzzeitig in Untersuchungshaft und ist auf Kaution in Höhe von 5 Millionen Euro wieder herausgekommen. Herr Marsalek, ein anderer Vorstand, ist flüchtig und hat wohl auch durchgegeben, dass er sich erst einmal nicht stellen möchte. Wir haben uns gedacht, ich spreche heute mal mit dir, um den Vorgang für die Außenwelt etwas verständlicher erklären zu können. Wir fangen einfach mal mit der Frage an: Wirecard als Unternehmen ohne diese ganzen Eskapaden, welches Geschäft haben sie betrieben? Und ist das grundsätzlich überhaupt ein seriöses Geschäft?

Olaf Storbeck: Wirecard ist eins der Unternehmen, die im elektronischen Zahlungsverkehr ziemlich weit vorne sind. Man unterscheidet ja verschiedene Stufen auf der Wertschöpfungskette und Wirecard ist in erster Linie ein Unternehmen, das im Grunde dafür sorgt, dass Amazon bei einem Kreditkarten-Einkauf mit einer von deiner Bank ausgestellten Kreditkarte, am Ende auch das Geld von deinem Bankkonto erhält. Da gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die so etwas anbieten, Wirecard ist eines davon. Das ist grundsätzlich ein stark wachsender Markt, weil Bargeld immer weiter aus der Mode kommt und elektronische Zahlungswege nicht nur im Internet, sondern auch in der realen Wirtschaft immer beliebter werden. Dass es da einen Markt gibt, der zu verteilen ist, das war immer die Story, die Wirecard den Anlegern erzählt hat. Wirecard macht nicht nur das sogenannte Acquiring-Geschäft, also die Zahlungsabwicklung hinter den Kulissen, sondern gibt auch selber Kreditkarten aus. Das unterscheidet Wirecard von den meisten Wettbewerbern. Sie haben vor ein paar Jahren von Citi, dieser großen US-Bank, ein Prepaid-Kartengeschäft gekauft und geben auch in Europa über die Wirecard Bank Master Cards aus. Ich habe mir vor ein paar Wochen noch den Spaß erlaubt und habe bei dem Privatkundenangebot von Wirecard, das heißt boon.PLANET, ein Konto eröffnet. Dadurch habe ich jetzt eine virtuelle Master Card in meinem iPhone.

Marco Herack: Ich habe auf Twitter gesehen, dass du einen Euro drauf hast.

Olaf Storbeck: Ich habe mittlerweile 11 Euro drauf, ich habe nochmal 10 Euro auf das Konto überwiesen, weil ich gucken wollte, wie lange ich noch auf das Konto zugreifen kann. Hätte ich einen Euro zurück überwiesen, wäre das Konto leer gewesen. Insofern habe ich da eine kleine Reserve hingetan. Das Geld ist auch wirklich schnell angekommen. Noch funktioniert alles, die Wirecard Bank ist ja auch nicht von der Insolvenz betroffen. Ich war einfach gespannt wie es ist, in einem Einlagensicherungsfall betroffen zu sein. Mit 11 Euro ist das Risiko ja überschaubar.

Marco Herack: Also Wirecard selber hat dann auch an diesen Transaktionen verdient, die sie für andere abgewickelt hat, da gibt es wahrscheinlich gewisse Provisionen?

Olaf Storbeck: Genau. Solche Dienstleister bekommen ungefähr einen oder zwei Prozent des Transaktionsvolumens an Gebühren, welche dann bei diesen Unternehmen, welche die Transaktionen abwickeln, hängen bleiben. Das ist auch nicht ganz trivial, weil natürlich eine gewisse Risikokomponente drin ist. Wenn du mit deiner Kreditkarte bei Amazon einkaufst, weiß Amazon im ersten Moment nicht, ob die Karte gedeckt ist. Wirecard hat immer gesagt, dass sie eine besonders fortgeschrittene und moderne Technologie haben, sodass sie aufgrund ihres Data-Minings und ihrer Kundendaten angeblich eventuelle Zahlungsausfälle besonders gut vorhersagen können. Dadurch konnten sie den Händlern besonders gute Konditionen anbieten und das Risiko minimieren. Sie haben auch immer gesagt, sie könnten Prognosen machen, wenn du zum Beispiel im Laden stehst und dir teure Sachen anguckst, dass du dann über die App irgendwann direkt noch das Darlehen angeboten bekommst, um das zu kaufen und zu finanzieren. Das war immer so die Vision und die Acquity-Story, die den Anlegern verkauft worden ist.

Marco Herack: Die Wirecard hatte aber auch noch eine zweite Funktion. Sie galt als White Label Bank, über die Dritte eine Bankdienstleistung anbieten konnten, nicht wahr?

Olaf Storbeck: Genau. Zum Teil hat Fintech die genutzt. Wirecard hatte auch noch andere Tochterfirmen, die in Großbritannien ansässig sind. Diese haben auch White Label-Angebote für Fintech gemacht im Bezug auf Prepaidkarten und Ähnliches. Am vergangenen Wochenende wurde dieser Teil von der britischen Aufsicht temporär eingefroren. Tausende von Kunden kamen daher plötzlich nicht mehr an ihr Geld, welches auf diesen Karten lag. Das waren zum Teil Menschen, die nicht viel Geld haben und die dadurch am Wochenende Probleme hatten, sich Lebensmittel zu kaufen. Ihren einzigen Zugang zum elektronischen Zahlungsverkehr konnten sie damit nicht mehr nutzen.

Marco Herack: Da gab es also vor allem für Individuen mal wieder größere Verwerfungen.

Kann man sagen, dass Zahlungsabwicklung ein Geschäft ist, dass vor allen Dingen davon lebt, dass man skaliert? Je mehr Abwicklungen man hat, desto besser ist es für die Einnahmen. Aber in dem Geschäft ist dann auch enthalten, dass man mit einer globalen Expansion beginnt. Man gibt sich nicht damit zufrieden, in Deutschland ein gutes Geschäft zu haben.

Olaf Storbeck: Richtig. Das ist ein klassisches Geschäft, das sich über die Menge rentiert. An jeder einzelnen Transaktion werden nur Bruchteile von Cents verdient und über die technische Infrastruktur entstehen relativ hohe Fixkosten. Eine IT-Abteilung, Lizenzen und grundsätzlich auch eine Compliance werden benötigt. Die Compliance war allerdings bei Wirecard nicht gut ausgeprägt. Unterm Strich hat man relativ hohe Fixkosten, die letztendlich von der Zahl der verarbeiteten Transaktionen relativ unabhängig sind. Denn ob zum Beispiel 1.000 oder 10.000 Transaktionen durchgeführt werden, dies hat keinen wesentlichen Einfluss auf die Fixkosten. Insofern ist Skalierung und Größe natürlich ein entscheidender Faktor.

Marco Herack: Das ist im Groben das Geschäft, welches Wirecard gemacht hat.

Ihr habt bei der Financial Times seit 2005 oder auch schon länger sehr intensive Recherchen gemacht. Letztes Jahr, als im Februar der größte Artikel zum Vorwurf gegenüber Wirecard erschienen ist, gab es in Deutschland als erstes sehr viele Abwehrreaktionen. Oder war meine Wahrnehmung diesbezüglich falsch?

Olaf Storbeck: Das war tatsächlich so. Am Anfang hatte man das Gefühl, dass Wirecard als sozusagen deutsches Vorzeige-Fintech geschützt werden müsste vor den Angriffen angelsächsischer Finanzjournalisten. Dazu kam die Ansicht, dass die Vorwürfe von Aktienspekulanten, sogenannten Leerverkäufern, befeuert würden, welche gegebenenfalls unrichtige, schlechte Nachrichten verbreiten, um fallende Kurse herbeizuführen, an denen diese dann verdient hätten. Das war das damals vorherrschende Bild. Es gibt einen berühmten Kommentar einer Commerzbank-Analystin. Nachdem der erste Artikel Ende Januar veröffentlich wurde, hat sie in einer Research Note geschrieben, es handele sich um Fake News. Die Commerzbank hat sich später dafür entschuldigt und die Research Note zurückgezogen. Das war sicherlich das extremste Beispiel einer Reaktion. Aber es gab auch viele andere Medien, die sich zunächst hinter Wirecard gestellt haben. Immer Anfang Februar hat die deutsche Börse in ihrer Zentrale in Eschborn ein große Veranstaltung zum Jahresauftakt. Dort war ich eingeladen und mich haben viele Leute dahingehend angesprochen, warum wir eine Kampagne gegen dieses erfolgreiche Unternehmen führen. Ich denke, in der deutschen Finanz- und Medienszene herrschte zunächst der Eindruck, dass es aufgrund von Neid gegen das erfolgreiche, deutsche Fintech eine Verschwörung gab, unter anderem der Financial Times, mit der Absicht, das große deutsche Unternehmen zu zerstören.

Marco Herack: Meiner Kenntnis nach gab es die ersten Bilanzanwürfe allerdings schon 2008.

Olaf Storbeck: Genau.

Marco Herack: Diese waren damals desaströs für diejenigen, die sie gemacht haben. Aber man fragt sich natürlich heute, ob die Anwürfe damals einen berechtigten Hintergrund hatten.

Olaf Storbeck: Genau. Das ist aber wahrscheinlich eine der Erklärungen dafür, dass es so lange gedauert hat, bis die Betrugsvorfälle aufgedeckt wurden. Für Kommunikationsberater, die für Wirecard gearbeitet haben, war lange Zeit das Narrativ, dass es einige Sachen gäbe, die im Argen lägen, da Wirecard ein Startup sei, welches schneller gewachsen wäre als erwartet. Es handele sich im Grunde um Wachstumsschmerzen durch den schnellen, großen Erfolg und den frühen Eintritt in die Börse. Ein paar Strukturen müssten intern verbessert werden, aber dem Grunde nach handele es sich um ein seriöses und vertrauenswürdiges Unternehmen. Das war lange der Erklärungsversuch. Dass das so lange geglaubt wurde und aufrechterhalten werden konnte, liegt auch daran, dass es immer wieder Wellen von Kritik gab. Diese waren jedoch zum Teil wirklich von Leerverkäufern gestreut worden. 2016 gab es einen berühmten Report, der anonym von Leerverkäufern im Internet veröffentlicht wurde. In diesem wurden viele Vorwürfe erhoben, was zu einem kurzzeitigen Kurseinbruch von 30 % führte. Das Ganze ist jedoch nicht weiterverfolgt wurden. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden lediglich geführt gegen die Leerverkäufer, die Autoren dieses Reports eingeleitet. Inhaltlich wurden die Vorwürfe nicht weiterverfolgt. Es gibt da bekanntlich eine alte Fabel, wenn man stets ruft, dass es brennt, obwohl es nicht wirklich brennt. Und wenn es wirklich brennt, dann glaubt einem niemand mehr. Ich kann nicht beurteilen, ob es bei Wirecard vorab tatsächlich gebrannt hat oder nicht, aber der Eindruck, der entstanden war, war der, dass es sich bei den Vorwürfen lediglich um wiederholte Attacken gegen Wirecard handelte, die jedoch nie stimmten, man ihnen also nicht glauben müsse. Das Unternehmen hat auch versucht, dies so in seiner Kommunikationsarbeit darzustellen. Das hat relativ lange funktioniert.

Marco Herack: Wobei man dazu auch schon gehört hat, dass Wirecard ein Unternehmen engagiert hatte für die Kommunikation, gerade für diese Katastrophen-Kommunikation, welches sehr Hardball spielt. Es gab dann ja auch Anwürfe, dass die Financial Times mit Shortsellern zusammenarbeiten würde. Wie ist das journalistisch? Ihr macht eure eigenen Recherchen, prüft Bilanzen, findet Dinge heraus. Aus 2015 gibt es einen Artikel von Dan McCrum, der genau diese Fragen gestellt hat, warum bestimmte Dinge in der Bilanz nicht zusammenpassen. Das sind Fragen, die man grundsätzlich beantworten könnte. Aber wenn ihr dann von zum Beispiel einem Fond nochmal Informationen hinzubekommt, wären das valide Informationen für euch, die ihr dann verwenden könnt? Oder wisst ihr, Dritte haben ihre eigene Agenda und deshalb halten wir uns zurück?

Olaf Storbeck: Ich war in die investigative Recherche nicht unmittelbar eingebunden. Wir hatten dazu eine recht klare Arbeitsteilung, die auch gut war, denke ich. Das wurde von London aus gemacht und ich habe versucht, weil auch das notwendig war, von Frankfurt aus über Wirecard so zu berichten wie auch über jedes andere Unternehmen. Vor rund einem Jahr war ich dadurch in der paradoxen Situation, dass ich eine Meldung darüber schreiben musste, dass die BaFin Anzeige gegen zwei FT-Journalisten erhoben hatte wegen des Verdachts auf Markmanipulation. Das haben wir so sachlich berichtet wie bei jeder anderen Gelegenheit. Ob Informationen also von einem Fond kommen oder woher auch immer, ist grundsätzlich also erstmal gleichgültig. Man muss versuchen, jede Information zunächst zu überprüfen. Wir haben das Prinzip, in allen Fällen, dass wir nur über eine Information berichten, wenn wir diese aus zwei voneinander unabhängigen Quellen erhalten haben. Wenn also ein Shortseller etwas erzählt, geht man der Sache nach. Nur wenn wir dazu eine Bestätigung erhalten, ist dies grundsätzlich natürlich ein Baustein, den man verwenden könnte. Es muss aber richtig sein.

Marco Herack: Das war nur eine generelle Frage von mir zum Vorgehen, damit verständlich wird, wie die Arbeitsabläufe sind. Dazu muss man sagen, ihr habt auch Unterlagen dann vorgelegt, die recht eindeutig waren, da es Unterlagen aus dem Unternehmen waren.

Olaf Storbeck: Bei diesen Unterlagen muss natürlich auch sicher sein, dass es sich nicht um Fälschungen handelt. Es ist natürlich immer besser, Dokumente zu haben, aber das alleine reicht auch nicht. Die Kollegen haben teilweise aufwändig recherchiert. Eine Kollegin aus Singapur ist auf die Philippinen gereist und hat ein paar dieser mutmaßlichen Geschäftspartner von Wirecard aufgesucht, bei denen Millionen von Umsätzen und Tausende, Hunderttausende von Transaktionen verarbeitet werden sollten. Sie hat festgestellt, dass es sich zum Beispiel um eine Adresse handelte, an der ein pensionierter Fischer wohnt, der noch nie etwas von Wirecard gehört hat und ganz sicherlich keinen global operierenden Zahlungsdienstleister betreibt.

Marco Herack: Das wäre tatsächlich etwas gewesen, das ich eigentlich von einem Wirtschaftsprüfer erwartet hätte. Aber dazu kommen wir später nochmal.

Olaf Storbeck: Ich würde gerne noch eine Sache sagen, so wie ich das erlebt habe, was für mich spannend war. Du hattest vorhin angesprochen, dass im Ende Januar 2019 der erste Artikel von Dan McCrum erschienen ist. Ich wusste, dass die Kollegen an etwas arbeiten und wusste aber nicht genau, wann das kommt. Schon zum damaligen Zeitpunkt war nur ein sehr kleiner Kollegenkreis über die genauen Details informiert, da man sichergehen wollte, dass nichts durchsickert. Man ahnte schon, dass es sich um kursrelevante Informationen handelt. Als es dann veröffentlicht war und Wirecard die Vorwürfe tagelang in einer Form dementiert hat, die ich noch nicht erlebt habe, bin auch ich etwas nervös geworden und habe gehofft, dass wirklich alles, was wir veröffentlichen, auch so korrekt ist. Ich wusste, dass die Kollegen Unterlagen haben. Ich wusste auch, dass sie mehr Unterlange haben, als in dem ersten Artikel direkt zitiert wurde. Dennoch habe ich Dan McCrum angerufen und habe ihn gefragt, ob sie wirklich sicher seien, dass die Unterlagen auch wirklich echt sind. Denn ich hatte damals Zweifel, ob die Situation wirklich so ist wie von uns dargestellt, wenn ein DAX-Konzern das so klar und eindeutig dementiert. Ein paar Tage später gab es etwas, das mir die Augen geöffnet hat. Es gab eine Ad-hoc-Meldung von Wirecard und einen Analysten-Call, bei dem alle Vorwürfe, die zuvor eine Woche lang dementiert worden waren, durch Wirecard eingeräumt wurden. Mit einem Unterschied. Es gab den Zwischenbericht der Anwaltskanzlei bezüglich Vorwürfen der Finanzmanipulation in Singapur. Über diesen hatten wir berichtet. Das sei aber kein Zwischenbericht, sondern lediglich die Vorwürfe von internen Whistleblowern, die von der Anwaltskanzlei zusammengefasst worden seien, ohne diese inhaltlich zu bewerten. Das war der Punkt, wo ich mir ein bisschen blöd vorkam, dass ich selbst Zweifel hatte an unserer Arbeit. Andererseits habe ich mir auch gedacht, dass das wirklich keine sauber Kommunikationsarbeit ist, die Wirecard macht.

Marco Herack: Interessant. Ich habe das damals so erlebt, dass ich aufgrund der Reaktion und des starken Abstreitens durch das Unternehmen den Verdacht hatte, dass an den Vorwürfen was dran sei. Aus dem Grund, dass die Reaktion nicht war, dass man das in Ruhe prüfen wolle, sondern dass es per se abgestritten wurde, dass die Vorwürfe gegebenenfalls wahr sein könnten. Und das, obwohl es eine kleine Historie von Anwürfen gab. Das war für mich in dem Sinne tatsächlich kein valides Gebaren eines Unternehmens. Man kann am Ende immer viel in etwas hineindeuten, aber damals wusste es niemand. Ich wusste es nicht, ich habe es immer nur von außen verfolgt, hatte die Historie im Kopf. Ich weiß nicht, ob jedes Detail, das durch euch recherchiert wurde, gestimmt hat. Aber alle wesentlichen Punkte haben in der ein oder anderen Form dann auch zugetroffen. Wie sie sich dann allerdings genau darstellen, ist vielleicht etwas für die Historiker.

Olaf Storbeck: Mir ist bislang jedenfalls nicht bekannt, dass wir etwas geschrieben hätten, was nicht eindeutig stimmt oder sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hätte. Ich weiß im Gegenteil von ein, zwei Dingen, an denen wir noch vor ein paar Wochen gearbeitet hatten. Als es zum Beispiel darum ging, wer dieser Treuhänder in Singapur ist. Die Kollegen wussten bereits relativ lange um seine Identität. Es gab jedoch einen kleinen Restzweifel, weshalb wir uns entschieden hatten, das vorerst nicht zu veröffentlichen, um keinen Fehler zu machen. Ungefähr eine Woche später haben dann andere Medien von dieser Sache berichtet.

Marco Herack: Jetzt beginnen wir aber mit dem Vorgang an sich, denn dieser ist durchaus spannend. Es würde mich nicht wundern, wenn Dan McCrum an Ende ein Buch darüber schreibt.

Olaf Storbeck: Ich glaube, ein Buch wird er auf jeden Fall schreiben. Ungefähr zu dem Zeitpunkt, zu dem es richtig losging, im Frühjahr 2019, habe ich das Buch Bad Blood gelesen von dem Wall-Street-Journal-Kollegen über das US-Startup Theranos. Das ist ein durchaus vergleichbarer Fall. Sie haben behauptet, eine neue Technologie entwickelt zu haben, um Bluttests deutlich zu vereinfachen. Später stellte sich heraus, dass die Geräte alle nicht funktionieren und alles Fake war. Theranos hat ebenfalls mit massiven Methoden versucht, die Journalisten einzuschüchtern und richtig Hardball gespielt. Ich habe Dan McCrum schonmal gesagt, dieses Buch über Theranos heißt Bad Blood, Arbeitstitel müsste eigentlich sein Bad Wire für Wirecard.

Marco Herack: Darauf freue ich mich dann schon. Das wird wahrscheinlich aber auch ein dickeres Buch werden. Ich habe versucht, das Ganze in ein paar Themenfelder aufzuteilen. Denn die Story von Anfang bis Ende zu erzählen, wäre gegebenenfalls zu verwirrend, zumindest im Audio-Bereich. Wirecard hat im Ausland ein Drittanbietergeschäft betrieben. Kannst du uns die Hintergründe erklären? Das hängt damit zusammen, dass sie nicht in jedem Land die Lizenz haben, die sie brauchen, um das Geschäft der Zahlungsabwicklung machen zu können.

Olaf Storbeck: Genau. Es ist so, in Deutschland und Europa wickeln sie ihre Transaktionen selbst ab über die Wirecard Bank. Diese ist Geschäftspartner von Visa und Master, den beiden großen Kreditkartenunternehmen, sowie den anderen wichtigen Kreditkartenunternehmen. In vielen asiatischen Ländern hat Wirecard jedoch keine eigenen Lizenzen. Wirecard hat es daher immer so dargestellt, dass sie dort mit lokalen Partnern zusammenarbeiten würden, sogenannten Drittpartnern. Das geflügelte Wort unter den Wirecard-Kennern ist TPA, das bedeutet Third Party Acquiring. Da geht es vor allem um drei Firmen. Die wichtigste davon ist in Dubai ansässig, Al Alam. Aufgrund unserer Recherche und den uns vorliegenden Dokumenten stellte sich heraus, dass das Geschäft, welches von den Drittanbietern betrieben wird bzw. welches Wirecard über diese Drittanbieter abwickeln würde, mehr als die Hälfte des Umsatzes ausmacht, den Wirecard verbucht und deutlich mehr als die Hälfte des operativen Gewinns. Die Profite wurden angeblich hauptsächlich in diesem Drittpartnergeschäft generiert.

Marco Herack: Was grundsätzlich nicht schlimm wäre, oder? Dann ist es halt so. Oder ist das ein Problem?

Olaf Storbeck: Ich drücke es mal so aus: Selbst wenn das Geschäft so stattgefunden hätte, wie Wirecard es später beschrieben hat, ist es so, dass dies lange Zeit den Investoren nicht offengelegt wurde. Es gibt keine offiziell zugänglichen Zahlen, wie viel Prozent des Umsatzes und des Gewinns in der Vergangenheit angeblich auf diese Drittpartner entfallen sind. Es ist auch nicht klar, inwieweit Wirecard dieses Geschäft tatsächlich kontrolliert hat. Die Umsätze, die in diesem Drittpartnergeschäft generiert wurden, hat Wirecard eins zu eins als eigene Umsatz gezählt. Das Cash, das mit den Drittpartnern generiert wurde, welches vermeintlich auf Treuhandkonten in Asien lag, wurde auch als Cash von Wirecard gezählt. Das haben auch die Wirtschaftsbehörden so akzeptiert. Heute wissen wir, dass es weder die Treuhandkonten noch das Cash gegeben hat. Selbst wenn das alles so gewesen wäre und es diese Konten gegeben hätte und es dieses Cash gegeben hätte, ist es hochgradig fragwürdig, ob die Bilanzierung überhaupt richtig gewesen wäre, das Cash und die Umsätze Wirecard zuzurechnen.

Marco Herack: Das wollte ich gerade fragen. Diese Drittpartner sind keine Tochterunternehmen von Wirecard?

Olaf Storbeck: Genau.

Marco Herack: Sondern das sind dritte Unternehmen, die eine Dienstleistung für Wirecard erbringen.

Olaf Storbeck: So hat Wirecard das immer dargestellt. Es besteht der Verdacht und für diesen gibt es auch viele begründende Indizien, dass diese Drittpartner in Wirklichkeit möglicherweise keine unabhängigen Unternehmen waren. Sondern die eventuell entweder von Wirecard oder von Wirecard-Vorständen oder von Individuen, die bei Wirecard auch eine Rolle gespielt haben, kontrolliert wurden und dass diese Personen eventuell auch Geschäfte mit sich selbst gemacht haben. Falls überhaupt Geschäft gemacht wurde. Das weiß man im Moment alles nicht genau. Aber der Verdacht war, dass das Geschäft wahrscheinlich geringer ist als dargestellt und dass diese Drittpartner keine unabhängigen Unternehmen sind, sondern in Wirklichkeit möglicherweise von Wirecard kontrolliert werden. Und dass Wirecard entsprechend Geschäfte mit sich selbst macht und dadurch die eigene Bilanz aufbläht. Im Englischen bezeichnet man dies als Round-Tripping. Möglicherweise werden über diese Firmen auch Zahlungen abgewickelt, die nicht in den eigenen Büchern erscheinen sollen, weil diese möglicherweise mit dubiosen, nur halblegalen oder sogar illegalen Geschäften zusammenhängen. Das war immer der Verdacht. Im Moment sieht es so aus, als ob es dieses Drittpartnergeschäft überhaupt nicht gegeben hat. Das hat natürlich nochmal eine ganz andere Qualität, dass diese Konten und die Gelder, die auf den Konten liegen, schlichtweg frei erfunden sind. Das ist etwas, was ich mir in der Form nicht vorgestellt hatte im Vorfeld.

Marco Herack: Das ist ein ganz spannender Punkt. Eigentlich würde das ja bedeuten, dass mit diesen Gesellschaften Umsatz und Gewinn generiert wurde, der gar nicht da ist. Und dieser Gewinn und dieser Umsatz wurden vom Treuhänder bestätigt, dass er da ist. Nicht aber von den Banken scheinbar.

Olaf Storbeck: Richtig.

Marco Herack: Kurze Erklärung: Ihr hattet zuletzt gemeldet, dass Wirecard seit mindestens drei Jahren keine Bestätigung von den Banken bekommen oder eingeholt hat, dass diese Konten wirklich existieren. Stattdessen hat Wirecard es sich scheinbar immer nur von dem Treuhänder bestätigen lassen.

Olaf Storbeck: Es ist leider noch ein bisschen komplizierter. Ehrlich gesagt, das war auch eine der Sachen, bei denen ich gedacht habe, dass wirklich etwas richtig faul ist. Im Oktober letzten Jahres hatten wir bzw. Dan McCrum eine große Geschichte darüber veröffentlicht, dass ihm Dokumente zugekommen sind über angebliche Kunden in diesem Drittpartnergeschäft. Wir hatten 34 Kundennamen, auf die ein Großteil der Transaktionen entfallen ist. Dan McCrum hat dann in mühseliger, monatelanger Kleinarbeit die Spur der Kunden aufgenommen. Er hat versucht, diese ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Dabei ist er zu dem Schluss gekommen, dass es die Hälfte dieser 34 Kunden gar nicht gibt. Und von den anderen, die tatsächlich existieren, hat ungefähr die Hälfte nicht auf unsere Fragen reagiert und die andere Hälfte hatte noch nie etwas von Wirecard gehört. Und auch nicht von Al Alam und diesen Drittpartner, mit denen Wirecard angeblich die Zahlungen abgewickelt hat. Das war hochgradig suspekt. Daraufhin hat Wirecard die Firma KPMG mit einer unabhängigen Sonderprüfung beauftragt mit einer unabhängigen Sonderprüfung. KPMG hatte eigentlich volle Prokura, völlig in die Systeme einzutauchen, alles im Detail nachzuprüfen. Und eigentlich war der Arbeitsauftrag, den der Aufsichtsrat KPMG erteilt hatte, diese Transaktionen im Detail, im Grunde die gesamte Transaktionskette dieser angeblichen Zahlungen, nachzuvollziehen. Tatsächlich zu prüfen, wer der Händler ist, was dieser verkauft hat und wie viel davon hat Wirecard als Provision erhalten usw. KPMG ist jedoch an jeder Stelle, an der sie versucht haben, dieses Drittpartnergeschäft zu prüfen, vor eine Wand gelaufen. KPMG ist Ende oder Mitte Oktober beauftragt worden. Mehrere Wochen später hat der Treuhänder, der angeblich diese Treuhandkonten, auf denen die Beträge lagen, mit denen die Drittpartnergeschäfte in Singapur abgerechnet wurden, abrupt die Geschäftsbeziehung zu Wirecard gekündigt. Dieser Treuhänder hat dann nicht mehr auf Anfragen von KPMG und angeblich auch nicht mehr auf Anfragen von Wirecard reagiert. Es gab eine Bank, bei er die Treuhandkonten lagen. Auf diesen Konten stand Ende 2018 etwa eine Million, zum Zeitpunkt Ende 2019 sogar ca. 1,9 Mia. Euro. Diese Bank hat auch nicht reagiert. Das Ganze wurde dann Ende 2019 in die Philippinen umgezogen, angeblich zu einem neuen Treuhänder und auf zwei neue Banken. Nachdem im vergangenen Juni bei der Testierung der 2019-Abschlüsse sich verschiedene Red Flags festgestellt wurden, wurde bei den Banken nachgehakt. In den Philippinen hat sich herausgestellt, dass es die Konten, die vermeintlich im Dezember umgezogen worden sind, nicht gibt, dass es auch dieses Geld nicht gibt. Die philippinische Notenbank hat auch mitgeteilt, dass das Geld nie das philippinische Zahlungssystem erreicht hat. Wir haben in der vergangenen Woche eine große Geschichte veröffentlicht, dass auch in den drei Jahren zuvor, zwischen 2016 und 2018, als das Geld noch bei einer Bank in Singapur sein sollte, der Wirtschaftsprüfer von Wirecard, EY, nie bei der Bank nachgefragt und nie verifiziert hat, ob es diese Konten wirklich gibt und ob die Beträge, die auf diesen Konten liegen, real sind. Man hat sich mit Dokumenten zufriedengegeben von Wirecard, die angeblich von dem Treuhänder ausgegeben worden seien und dieses bestätigten.

Marco Herack: Das ist eine wilde Geschichte. Es ist normalerweise üblich, dass der Wirtschaftsprüfer sich die Konten von den Banken bestätigen lässt. Auch im Fall eine Treuhandkontos.

Olaf Storbeck: Ich bin ein Wirtschaftsprüfer und habe da auch sozusagen nur angelerntes Wissen über die Vorgänge in einer Wirtschaftsprüfung. Aber alle Professoren und Fachleute, mit denen wir gesprochen haben, haben uns mitgeteilt, dass dies wirklich das kleine Einmaleins des Wirtschaftsprüfers ist. Über alle Unterlagen, die Saldenbestätigungen, Kontenbestätigungen und auch Kontoauszüge betreffen, muss ein Wirtschaftsprüfer die volle Kontrolle haben. Der Wirtschaftsprüfer muss selbständig bei der Bank anfragen. Dies explizit bei einer zentralen Stelle dieser Bank und nicht einfach in irgendeiner Filiale, damit eine Bestechung von Bankmitarbeitern einer bestimmten Filiale ausgeschlossen werden kann. In den Philippinen war dies sogar der Fall. Die Nachfrage muss daher beim Risikomanagement oder Controlling erfolgen. Von dieser Stelle muss der Wirtschaftsprüfer dann auch die Daten erhalten, denn dies minimiert die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um gefälschte Dokumente handeln könnte. Man kann sich als Wirtschaftsprüfer nicht darauf verlassen, dass das Unternehmen, welches du prüfst, seine Kontoauszüge zeigt.

Marco Herack: Ich habe schon mehrfach Wirtschaftsprüfungen mitgemacht. Eine davon wurde durch Ernst & Young durchgeführt. Das lief genau so wie du es gerade beschrieben hast. Die haben sich von uns die Unterlagen geben lassen, wir mussten ihnen bestätigen, dass Ernst & Young bei der Bank anfragen darf, mussten dann Ernst & Young diese Briefe geben. Ernst & Young hat diese an die Bank geschickt, die Bank hat dann die Unterlagen an Ernst & Young geschickt usw. Normalerweise läuft es genau so.

Olaf Storbeck: Ernst & Young selbst sagt da natürlich im Moment überhaupt nichts zu, wenn man nachfragt. Aber Leute, die in den konkreten Fall ein bisschen Einblick haben, sind der Ansicht, dass es möglicherweise wegen dieser Treuhandkonstruktion nicht so einfach gewesen sei. Weil diese angeblichen Konten in Asien keine Konten von Wirecard waren. Selbst in dieser erfundenen Geschichte, die Wirecard sich dazu ausgedacht hat. Sondern es waren Konten, die im Namen des Treuhänders geführt wurden. Deswegen wäre es nicht so ohne Weiteres möglich gewesen, dass der Wirtschaftsprüfer bei den Banken anfragt. Es gibt auch andere Leute, die sagen, eine solche Konstruktion ist vollkommen widersinnig, man braucht eigentlich keinen Treuhänder, weil diese Treuhandkonten, die es bei der Bank gibt, dafür gemacht sind, dass das Unternehmen darauf nicht unmittelbar zugreifen kann und freie Verfügung über das Geld hat. Die ganze Geschichte ist auch nicht plausibel. Es gibt etwas, das mich an der Geschichte, die Wirecard über sein Drittpartnergeschäft erzählt hat, schon immer ein bisschen irritiert hat. Diese Konten hatten immer zwei Funktionen. Eines wurde erst wirklich in dem Bericht von KPMG deutlich, kursierte jedoch schon vorher. Und zwar, dass angeblich auf diesen Konten Geld verbucht war, welches Wirecard als Sicherheit hinterlegt habe, um die Drittpartner vor Zahlungsausfällen zu schützen für den Fall, dass die Drittpartner Zahlungen abwickeln, die im Nachhinein doch platzen. Es ist auch so, dass die Kunden durchaus immer weitergewachsen sind und die Größe immer korrelierte mit den Umsätzen und Transaktionsvolumina, die ausgewiesen worden sind. Zuletzt angeblich 1,9 Mia. Andererseits wurden über diese Kunden auch die Geschäfte zwischen Wirecard und den Drittpartnern abgewickelt. Die Gebühren, die die Drittpartner an Wirecard gezahlt haben, wurden auf diese Konten gezahlt und lagen dort. Das fand ich immer schon ehrlich gesagt ein bisschen schräg, dass diese Konten zwei vollkommen unterschiedliche Funktionen haben. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat mir jemand, der für Wirecard arbeitete, das nochmal so erklärt. Was Wirecard wirklich von fast allen anderen Unternehmen, die ich kenne, unterschieden hat ist, dass Wirecard immer unglaublich lange Leistungsziele ausgegeben haben, die sich auf einen unheimlich langen Zeitraum in der Zukunft bezogen haben. Zuletzt haben sie glaube ich gesagt, dass sie bis 2025, in vier oder fünf Jahren, ihren Umsatz verdreifachen wollten. Und die Zahl der Transaktionen sollte sich auch verdreifachen. Da wir zu dem Zeitpunkt schon wussten, dass die Hälfte dieses Geldgeschäftes aus den Drittpartnern kommt und bereits ein Betrag von 1,9 Mia. auf den Konten liegen sollte, hätte eine Verdreifachung bedeutet, dass sich auch diese Sicherheiten, die auf den Konten lagen, hätten verdreifachen müssen. Wirecard hätte Milliarden von Cash auf den Konten liegen gehabt. Das hätte inhärent zu ihrem Geschäftsmodell überhaupt keinen Sinn gemacht.

Marco Herack: Das war der Bereich Drittanbietergeschäft. Geschäft kann man es ja fast gar nicht mehr nennen.

Olaf Storbeck: Ich habe heute noch einige Gespräche zu einer der ganz spannenden Fragen geführt. Ist es wirklich so, dass dieses Geschäft einfach nicht existierte und die das nur erfunden haben, um das Unternehmen besser aussehen zu lassen und den Börsenkurs zu pushen? Oder gab es möglicherweise doch Geschäft, welches hinter dieser Fassade des Drittpartnergeschäfts versteckt wurde?

Marco Herack: Wo ist das Geld?

Olaf Storbeck: Genau, dann stellt sich die Frage, wo ist das Geld, richtig. Aber das ist reine Spekulation zum jetzigen Zeitpunkt. Aber möglicherweise ist es so, dass wir bislang sozusagen nur die eine Hälfte der Geschichte kennen.

Marco Herack: Das ist glaube ich ein bisschen die Befürchtung generell, dass noch ein paar Dinge auftauchen werden, von denen man bisher noch nichts weiß und die vielleicht auch nochmal ein paar Milliarden vernichten. Falls es sie jemals auf irgendwelchen Konten gegeben haben sollte.

Olaf Storbeck: Wir wissen zum Beispiel auch und das wird auch in dem Bericht von KPMG relativ detailliert dargestellt, dass Wirecard den Drittpartnern letztes oder vorletztes Jahr 250 Mio. Euro unbesicherte Kredite gegeben hat. Angeblich waren das Kredite, die für eine Art Händlervorfinanzierung verwendet wurden. Der Händler, bei dem man etwas kauft, muss üblicherweise ein paar Wochen warten, bis das Geld bei ihm ankommt, weil die Transaktionsabwicklung etwas dauert. Wirecard hatte dann angeblich dem Händler angeboten, gegen eine gewisse Gebühr sein Geld unverzüglich zu erhalten, dies sozusagen vorzufinanzieren. Das ist auch durchaus Standard, das machen andere auch. Ob es dieses Vorfinanzierungsgeschäft gab, ist natürlich fraglich, wenn es das eigentliche TPA-Geschäft nicht gab. Dann heißt aber die nächste Frage, was ist mit diesen 250 Mio. Kredit, der an die Geschäftspartner gezahlt wurde. Wo ist denn das Geld hingekommen? Es steht fest, dass das geflossen ist.

Marco Herack: Das passt eigentlich ganz gut auch zu dem Indien-Thema. Man könnte sagen, Wirecard habe auch versucht, sein Wachstum durch Übernahmen zu befördern. Sie haben über eine Dekade hinweg 20 Unternehmen unternommen für insgesamt 1,3 Mia. Euro. Die größte Übernahme fand 2015 in Indien statt. Für 340 Mio. hat Wirecard dort ein Unternehmen übernommen, welches ein Jahr zuvor eine fehlgeschlagene Finanzierungsrunde hatte. Entsprechend dieser Finanzierungsrunde wäre das Unternehmen 46 Mio. wertgewesen.

Olaf Storbeck: Das Unternehmen ist vor allen Dingen auch wenige Monate vor der Übernahme durch Wirecard von den ursprünglichen Eigentümern an eine Zwischenholding verkauft worden, die auf Mauritius sitzt, für einen Preis von 40 Mio. Dann hat das Wirecard gekauft für 340 Mio. und bis heute weiß niemand so genau, wer eigentlich der Eigentümer war, der das Unternehmen zwischendurch gehalten hat. Dazu besteht der Verdacht, dass das möglicherweise auch Wirecard selbst war oder bestimmte Mitarbeiter von Wirecard, die im Grunde darüber eine schwarze Kasse geschaffen haben könnten.

Marco Herack: Ja oder die sich einfach bedient haben. Die einfach 3,5 Mio. oder mehr zur freien Verteilung im Club sich angeeignet haben. Aber selbst wenn man sagt, dass Indien ein Markt ist, den man erobern will, ist die Bewertungsdifferenz sehr auffällig. Das macht kein Kaufmann bei einem Unternehmen, welches zuvor eine solche fehlgeschlagene Finanzierungsrunde hatte.

Olaf Storbeck: Wenn man die Frage Markus Braun gestellt hat, hat er immer gesagt, das sei alles sehr stark gewachsen, der Markt sei sehr dynamisch. Und wenn man sich andere Bewertungen ansehe, dann wäre das alles in Ordnung gewesen. Aber das ist natürlich völlig absurd.

Marco Herack: Wir haben ja gesehen, dass das starke Wachstum mit einem Drittanbietergeschäft stattgefunden hat, also demnach nicht in Indien, oder?

Olaf Storbeck: Nein, aber es wurde schon das starke Wachstum auch des bargeldlosen Zahlungsmarktes in Indien zur Begründung herangezogen, dass man diesen deutlich höheren Betrag gezahlt habe.

Marco Herack: Aber man weiß tatsächlich auch gar nicht, was dahintersteckt. Weiß man denn, ob dieses Geschäft in Indien wenigstens gut gelaufen ist?

Olaf Storbeck: Es gab eine berühmte Studie von Morgan-Stanley-Analysten, die unter großem Aufwand nach Indien gefahren sind und dort geprüft haben. Das waren Zahlungsterminals für Kleinstshops, im Grunde Straßenstände und so etwas. Das war jedenfalls ein wichtiges Geschäftsfeld dieser indischen Firma, die Wirecard gekauft hat. Mit Mühe und Not haben sie dann glaube ich zwei Beispiele ausfindig machen können. Die waren also auch in Indien nicht wirklich sichtbar. Wie sich das seitdem entwickelt hat, weiß man nicht so genau, weil Wirecard Umsatz- und Ertragszahlen nicht regional splittet.

Marco Herack: Dem verweigern sie sich bisher.

Olaf Storbeck: Genau. Das war immer einer der Kritikpunkte, auch von Analysten, dass im Grunde die Transparenz der Finanzkennzahlen, das Reporting völlig zu wünschen übriggelassen hat. Wirecard konnte gar nicht genau erklären, aus welchen Quellen genau ihr Wachstum kommt. Mittlerweile wissen wir auch aus welchem Grund. Jedes Jahr ist Wirecard um 30 % gewachsen und der Gewinn ist noch stärker gewachsen. Wirecard hat immer seine Wachstumsziele erreicht oder sogar übererfüllt und die Jahresausblicke im Laufe des Jahres immer leicht nach oben geschraubt. Die Wirtschaftsprüfer haben es immer testiert. Insofern ist der Eindruck entstanden, Wirecard sei ein Unternehmen, was sehr erfolgreich sei.

Marco Herack: Welches stark über Markt wächst. Mit 25 % Wachstum jährlich ist das ja ein Knaller gewesen. Wie ist denn die Wirecard-Bilanz grundsätzlich zu bewerten?

Olaf Storbeck: Wirecard hat unter anderem durch die Übernahmen sehr viel Goodwill darinstehen. Was sie als Assets verbucht haben, aber letztendlich waren die Firmenwerte und die künftigen Ertragsströme der gekauften Firmen nicht wirklich werthaltig. Wenn man jetzt mit Restrukturierungsexperten spricht, die dort Einblick hatten, dann sagen diese, dass das Problem von Wirecard ist und der Grund dafür, dass sie so schnell Insolvenz angemeldet hat, dass Wirecard eigentlich keine wirklichen Assets in der Bilanz hat. Wir hatten vor ein paar Jahren mal den Fall von einem südafrikanischen Möbel-Konglomerat Steinhoff, der in vielen Punkten erstaunliche Parallelen zu Wirecard aufweist. Bis hin zu dem Fakt, dass der Gründer und CEO massiv an den eigenen Aktien beteiligt war. Bei Steinhoff war es so, dass der materielle Schaden größer war. Es ging dabei um fast sechs Milliarden, die gar nicht existierten. Damals war es aber so, dass die Gläubiger, die Banken, zu dem Schluss gekommen waren, das lieber weiterlaufen zu lassen und zu versuchen, das Unternehmen im laufenden Betrieb zu zerlegen. Grund war, dass man daraus mehr erzielt hätte, als wenn das Unternehmen in Insolvenz gegangen wäre. Dabei war aber der entscheidende Punkt, dass Steinhoff zumindest tatsächliche Möbelhäuser hatte, wo man Möbel kaufen konnte und durch die Umsatz generiert wurde. Bei Wirecard ist der Fall, dass es zum Teil Lizenzen gibt, zum Teil aber auch nicht, in diesen Drittpartnerländern, und ansonsten nur ein bisschen IT, aber im Übrigen keinerlei Assets, die man in irgendeiner Form verwerten kann.

Marco Herack: Das Interessante an Wirecard ist, dass sie vom Geschäft, was die Technik betrifft, tatsächlich einen guten Ruf hatten.

Olaf Storbeck: Das hängt auch sehr davon ab, mit wem man spricht. Es gibt Leute, die diese Meinung vertreten. Es gibt aber auch Leute, auch Insider, die sagen, wenn Wirecard nicht an der Finanzkatastrophe zusammengebrochen wäre, dann wären sie früher oder später zusammengebrochen, weil die IT nicht vernünftig funktioniert habe. Ich kann das nicht überprüfen. Das habe ich auch nur aus einer Quelle. Aber die Meinung ist nicht eindeutig.

Marco Herack: Leidiges Thema: Ernst & Young hat das Ganze jahrelang testiert. Böse Zungen würden sagen, man hat sich bei der Sonderprüfung 2008 kennen- und schätzen gelernt und später eine Geschäftsbeziehung aufgebaut. Wir haben es schonmal angeschnitten, dass man sich Konten nicht direkt von den Banken bestätigen lässt, dazu gibt es zwar unterschiedliche Meinungen, aber ich denke, die allgemeine Meinung ist, dass dies einem Wirtschaftsprüfer nicht passieren darf.

Olaf Storbeck: Ja. Was mir vollkommen unverständlich erscheint ist, dass das über Jahre weiter so gemacht wurde, trotz dieser Vorwürfe und Verdachtsmomente, die im Raum standen. Würden wir über ein Unternehmen reden, welches ausgenommen gut dasteht, bei dem es niemals nur die geringsten Zweifel gibt, wäre es vielleicht noch das eine. Aber ein Unternehmen, welches so sehr im Fokus steht, dass man bei diesem nicht noch einmal genauer hinschaut, finde ich wirklich erstaunlich.

Marco Herack: Vor allen Dingen, nachdem es nicht nur bei der Financial Times thematisiert wurde. Das war ja bei dem gesamten Markt. Extrem viele Finanzanalysten haben sich mit dieser Wirecard beschäftigt und sehr viele hatten Zweifel. Man muss dann schon fragen, warum versuchen Ernst & Young als Prüfer nicht, diese Zweifel beispielhaft an ein, zwei Stellen auszuräumen, um dann festzustellen, die Unterlagen sind vielleicht alle nur digital vorhanden. So hat es die KPMG dann gemacht. Die KPMG hat mitgeteilt, die Unterlagen nur digital bekommen und nie real gesehen zu haben und entsprechend nichts hundertprozentig sagen zu können.

Olaf Storbeck: Ich will jetzt nicht unbedingt EY verteidigen. Aber man muss auch im Hinterkopf behalten, das habe ich auch im Zuge der Recherche gelernt, dass Wirtschaftsprüfer erstmal im treuen Glauben arbeiten dürfen. Bei einer forensischen Untersuchung wie KPMG sie gemacht hat, beginnt man mit der Prämisse, an welcher Stelle man betrogen werden könnte. Das ist nicht die Haltung, mit der ein Wirtschaftsprüfer an die Sache rangeht, sondern ein Wirtschaftsprüfer geht erstmal davon aus, dass die Unterlagen, die ihm von dem Unternehmen vorgelegt werden, echt sind. Nur, wenn ein begründeter Verdacht entsteht, muss man nachfassen. Das ist Standard und gängige Praxis bei allen.

Marco Herack: Begründeter Verdacht.

Olaf Storbeck: Genau. Da kommt der Punkt ins Spiel, dass es über Jahre Zweifel gab. Und dass einfach diese Abläufe mit Blick auf volle Kontrolle über den Prozess der Dokumentenlieferung von Banken offenbar nicht gemacht wurden, wie man es eigentlich erwarten würde. Aus welchen Gründen auch immer.

Marco Herack: Heute ist bei Finanz-Szene ein Schreiben aus 2016 von Heinz-Roger Dohms aufgetaucht. Der hat auch mit ein paar Kollegen sich seinerzeit die Bilanzen angesehen und geprüft und hat seine Zweifel bei der DPR gemeldet. Der Bilanzprüfstelle, deren Vertrag nun seitens des Bundesfinanzministeriums gekündigt wurde, welche Auswirkungen das am Ende auch immer haben wird. Man muss schon sagen, der Markt war schon sehr weit. Schon 2015, schon 2016. Wenn mich jemand fragen würde, hätte Ernst & Young einen Zweifel haben müssen, würde ich sagen ja, denn das hätten sie zur Kenntnis nehmen müssen.

Olaf Storbeck: Natürlich. Das ist das eigentlich Schockierende an dem gesamten Skandal. Dass man mit so einem großen Anlauf in die Scheiße gesprungen ist, wenn ich das so sagen darf. Das ist wirklich nicht so, dass man überraschend entdeckt hätte, das niemand etwas wahrgenommen hätte und plötzlich sei ein Problem aufgetaucht. Sondern das war wirklich mit langer, langer Ansage. Und von den Stellen, die es eigentlich hätten entdecken sollen, hat niemand das lange ernst genommen. Auch die Staatsanwaltschaft hat aus meiner Sicht wirklich lange gezögert, sich der Sache anzunehmen. Bereits donnerstags kam heraus, dass EY gefälschte Unterlagen vorgelegt worden sind. Freitags wurde dann Markus Braun gekündigt. Montags darauf teilte Wirecard dann mit, die 1,9 Mia. habe es nie gegeben und in dem Moment beginnt die Staatsanwaltschaft zu ermitteln. Und in dem Moment war wahrscheinlich Jan Marsalek schon auf den Philippinen oder wohin auch immer er sich abgesetzt hat. Und das, nachdem bereits eineinhalb Jahre dieser Verdacht im Raum stand. Das ist schon erstaunlich.

Marco Herack: Wie kann man das denn bei der BaFin einschätzen? Ich habe auch über die Jahre hinweg meine Erfahrungen mit der BaFin gemacht, betreffend andere Unternehmen wie auch persönliche Erfahrungen. Ich würde fairerweise sagen, die Behörde hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren schon sehr stark verbessert. Das will ich vorwegschieben. Aber ich habe gerade bei dieser Geschichte den Eindruck, dass man schlichtweg versucht hat, den Fall loszuwerden und nichts damit zu tun zu haben. Das wurde in einem verwaltungstechnischen Sinn zwar alles ganz geschickt gemacht, aber das Mindset war nicht darauf ausgerichtet einzugestehen, dass man ein Problem sieht und versucht es zu lösen oder die Hintergründe aufzudecken.

Olaf Storbeck: Ja, das ist wohl so. Da kommen mehrere Dinge zusammen. Einerseits sind die Kompetenzen der BaFin wirklich nicht besonderes weitreichend. Das muss man auch dazu sagen. Selbst wenn sie gewollt hätten, sie haben keine staatsanwaltschaftlichen Kompetenzen und können nicht einfach eine Durchsuchung machen. Es ist auch klar und das hat sich auch in Gesprächen immer wieder gezeigt, dass die BaFin ebenfalls sehr lange der Theorie angehangen hat, dass Wirecard ein Unternehmen sei, welches zu schnell gewachsen ist, welches vielleicht ein unprofessionelles Management hat. Man hat denke ich einfach nicht wahrhaben wollen, dass möglicherweise Betrüger am Werk sind. Man hat das gar nicht in Betracht gezogen. Viel zulange, bis es dann irgendwann völlig zu spät war.

Marco Herack: Wie kann denn das passieren? Lesen die nicht, was geschrieben wird? Es war nicht nur bei euch, deswegen habe ich vorhin versucht zu sagen, dass es ein Thema auf dem gesamten Markt war. Natürlich gab es auch Verteidiger, aber die waren in meiner Wahrnehmung stark in der Minderzahl.

Olaf Storbeck: Es war denke ich eine Mischung. Unter anderem aus dem Vertrauen in die Wirtschaftsprüfer. Das ist selbst mir so gegangen, habe ich vorhin erzählt. Man hat diesem starken Dementi des Unternehmens vertraut. Wirecard hat immer wieder angegeben, die Vorwürfe stimmten alle nicht, es wurde immer die Geschichte herangezogen, es handele sich um Shortseller, die Wirecard zerstören wollten, und die Angelsachsen, denen es nicht passe, dass es auch ein erfolgreiches deutsches Fintech- und Technologieunternehmen gebe. Im April 2019 hat die BaFin dann tatsächlich zwei meiner Kollegen, die über diesen Sachverhalt berichtet haben, angezeigt mit Verdacht auf Marktmanipulation. Das finde ich die erschütterndste Sache daran.

Marco Herack: Dazu gab es gestern von Felix Hufeld die Aussage zu diesem Thema, er habe 130 Eingaben von außen bekommen und deswegen keine andere Wahl gehabt, als diese Anzeige zu machen. Das klingt für mich so, als habe die BaFin nicht einmal selbst recherchiert.

Olaf Storbeck: Die BaFin hat aktenkundig offensichtlich von der Staatsanwaltschaft München Unterlagen zur Verfügung gestellt bekommen. Kurz vor dem Erscheinen eines FT-Artikels haben Leerverkäufer angefangen, irgendwelche Positionen aufzubauen. Die übermittelten Unterlagen deuteten angeblich darauf hin, dass es hier einen starken zeitlichen Zusammenhang gebe. Und daraus wurde der konkludente Schluss gezogen, diese Information könne nur aus der FT heraus kommen. Das stimmt aber natürlich nicht. Wie es sich für jeden seriös arbeitenden Journalisten gehört, haben wir im Vorfeld das Unternehmen mit den Vorwürfen konfrontiert und detaillierte Fragenkataloge hingeschickt. Und in dem Moment, wo der Fragenkatalog in einem Unternehmen ist, gibt es noch andere potenzielle Quellen, durch die so etwas nach außen dringen kann.

Marco Herack: Man würde vermuten, dass jemand, der Bilanzbetrug begeht, dies auch wissentlich tut. Und er wahrscheinlich wenig Hemmungen hätte, seine eigene Aktie zu shorten, weil er weiß, dass er sich in ein Land ohne Auslieferungsabkommen absetzen muss.

Olaf Storbeck: Ob die die eigene Aktie selbst geshortet haben, weiß ich nicht.

Marco Herack: Es wäre zumindest ein valider Gedanke bei der BaFin gewesen, würde ich sagen, wenn sie das angenommen hätte. Weil das war das, was du mir gerade erzählt hast. An dieser Stelle ist nicht unbedingt die FT diejenige, die zwangsweise schuld ist. Rein vom Marktmechanismus her.

Olaf Storbeck: Ja, genau.

Marco Herack: Ich finde es natürlich richtig, dass Untersuchungen angestellt werden, wenn man der Meinung ist, da könnte etwas sein. Egal, wen das dann betrifft. Was mich an der BaFin-Geschichte gegenüber der FT wirklich störte, war, dass die Signalwirkung absolut verheerend war. Die eine Sache wurde geblockt, bei Wirecard gibt es kein Problem, das sind die Shortseller, deswegen verbieten wir Shorten. Hintendran wird dann die FT angezeigt und signalisiert, dass dort das Problem liegt. Das ist bezüglich der Aussagekraft für eine Überwachungsbehörde ziemlich erschreckend.

Olaf Storbeck: Genau. Und das zusätzlich in Kombination damit, dass sie vorher zwei Monate lang Leerverkäufe auf die Wirecard-Aktie verboten haben. Auch eine wirklich historisch einmalige Entscheidung in der Form. Leerverkaufsverbote hat es bislang in der Finanzkrise und in Ausnahmesituationen wenn überhaupt, dann für eine ganze Branche gegeben, zum Beispiel für Bankaktien, aber nicht für einzelne Unternehmen. Da war das Signal, das nach außen getragen wurde, die BaFin stellt sich schützend vor Wirecard. Ich glaube, einer der ganz großen Fehler der BaFin war, dass man sich die Dimension der Entscheidung nicht vor Augen geführt hat. Die BaFin hat das rein formaljuristisch betrachtet. Die Anleger haben daraus ein Signal gelesen, dass alles in Ordnung sei, wenn die BaFin so agieren, dann müsse bei Wirecard alles korrekt sein. Im Zweifel haben sie deswegen auch die Aktie gekauft.

Marco Herack: Man weiß gar nicht, wo man da anpacken soll. Aber ich habe als Beobachter in dieser Sache tatsächlich das Gefühl, dass die BaFin schlichtweg kein Gefühl für den Markt hat. Die BaFin weiß nicht, wie Märkte funktionieren, böse formuliert. Dazu musst du dich jetzt nicht äußern, das ist meine Aussage. Aber ich finde, das gehört auch dazu. Dass man auch im Blick hat, wie reagieren und wie funktionieren Märkte und nicht nur wie ist der formaljuristisch richtige Weg.

Olaf Storbeck: Wenn es vernünftige Belege oder einen Anfangsverdacht gibt, dann ist es auch in Ordnung, wenn man solche Ermittlungen macht. Dass man aber gleichzeitig den Verdacht, dass Bilanzmanipulationen vielleicht vorherrschen, überhaupt nicht untersucht hat, das macht mich sprachlos. Denn das Verrückte ist, wenn man das einmal Revue passieren lässt, dass die ganze Sache nur deswegen ans Licht gekommen ist, weil am Ende durch unsere weitere Berichterstattung der Druck innerhalb von Wirecard so groß war, dass die KPMG beauftragt haben. KPMG hat dann auch nicht nachgegeben, sondern gute Arbeit geleistet. Wirecard war dumm genug, sich von Anfang an zu comitten, diesen Bericht von KPMG zu veröffentlichen und sich daran auch zu halten. Und dann hat EY plötzlich etwas genauer hingeguckt. Ohne den öffentlichen Druck würde Wirecard glaube ich immer noch ihr Geld auf den Philippinen zählen und hätten ein uneingeschränktes Testat erhalten und die ganze Sache würde weitergehen. Es gibt eigentlich keine Mechanismen im System selbst, mit denen das hätte aufgedeckt werden können. Und diese Bilanzpolizei ist ehrlich gesagt in mehrfacher Hinsicht ein Witz. Auf der einen Seite ist es natürlich ein Witz, dass sie im Frühjahr 2019 von der BaFin beauftragt worden sind und dann zunächst so gut wie nichts gemacht haben, wie wir mittlerweile wissen. Es wurde nur eine Person an die Prüfung gesetzt, wie es bei den Untersuchungen immer gemacht wird. Man muss fairerweise aber auch sagen, dass die den Sachverhalt ohnehin wahrscheinlich nicht hätten aufdecken können. Weil die wirklich nur die Unterlagen prüfen können, die sie vom Unternehmen erhalten. Danach wird geprüft, ob alles vernünftig verbucht wurde. Es gab vor ein paar Jahren einen spektakulären Fall, bei dem Adidas zu einer fast 500 Mio.-Abschreibung gezwungen wurde, auf den Firmenwert von Reebok. Aber das sind eher Formalien, das ist wirklich keine Gruppe, die einen Betrug aufdecken kann.

Marco Herack: An dieser Stelle erinnere ich gerne nochmal an die E-Mail, die ich vorhin erwähnt habe. Auch dieser Behörde lagen schon 2016 Informationen vor und sie hat nicht reagiert.

Olaf Storbeck: Ich möchte sie nicht verteidigen, ich möchte nur die Dimensionen deutlich machen. Ich weiß von einer Quelle, diese Information ist aber auch öffentlich verfügbar, dass KPMG zeitweise mit 40 Personen diese Sonderprüfung von Wirecard bearbeitet hat. Das Ganze hat um die 10 Mio. Euro gekostet. Ob das vollständig bezahlt wurde und KPMG sein Geld erhalten hat, ist eine andere Frage, auf die wir keine Antwort haben. Oder ob KPMG sich ebenfalls in die Schlange der Gläubiger einreihen kann. 40 Personen, 10 Mio. Und die gesamte DPR, also die gesamte Bilanzpolizei, hat 15 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von 6 Mio. Das zeigt aus meiner Sicht nicht nur, dass diese Institution in dem konkreten Fall versagt hat, weil sie diese frühen Warnungen nicht ernstgenommen hat, sondern auch, dass die Strukturen, die wir haben, denen einer Drittwelt-Republik gleichkommen. Hinzu kommt auch, dass die BaFin zwar der Bilanzpolizei DPR einen Auftrag erteilen kann, jedoch keine Möglichkeiten hat, das Verfahren zu kontrollieren oder an sich zu ziehen für den Fall, dass die DPR nicht oder nicht intensiv genug arbeitet. Es gibt nur zwei Fälle, unter denen die BaFin eingreifen kann. Entweder, wenn das Unternehmen sich weigert, mit der DPR zusammenzuarbeiten, oder wenn die BaFin zu dem Schluss kommt, dass der vorgelegte Untersuchungsbericht der DPR nicht ausreichend oder fehlerhaft ist. Nur dann kann die BaFin selbst auch eine Untersuchung einleiten, vorher nicht. Warum an das so gestaltet hat, ist mir völlig unklar. Zusätzlich sind es wie gesagt nur wenige Personen, die sich Akten ansehen können. So kann man keine Betrugsfälle aufdecken.

Marco Herack: Genau, das muss man dazu sagen. Da sitzen wahrscheinlich sogar Leute, die wirklich wissen, was sie tun, aber es gibt keine Ressourcen, dass sie wirklich ihrem Job nachgehen können. In dem Sinne, wie sie es tun müssten.

Olaf Storbeck: Und die Staatsanwaltschaft hat sehr lange gesagt, es gibt keinen hinreichenden Anfangsverdacht dafür, dass man ermitteln könne. Man brauche einen Verdacht entweder, dass eine Straftat auf deutschem Boden verübt wurde oder dass es von deutschen Staatsbürgern gemacht wurde. Da sich die ganze Sache anfangs in Singapur abgespielt hat und dann in Dubai usw., hat die Staatsanwaltschaft immer gesagt, sie habe keine Handhabe dafür.

Marco Herack: Ein Teil der BaFin-Finanzierung kommt dadurch, dass alle kapitalmarktaffinen Unternehmen, jeder, der irgendwo gelistet ist, eine AG hat oder Ähnliches, jedes Jahr einen Beitrag an die BaFin leisten müssen. Ein ganz kleines Unternehmen 250,00 € im Jahr, auch streckbar auf zweimal 125,00 €. Ab da wird es nach Umsatz gestaffelt immer höher. So etwas könnte man auch für Finanzprüfung machen.

Olaf Storbeck: Das ist glaube ich auch so. Die finanzieren sich auch durch so eine Umlage von gelisteten Unternehmen. Aber das ist natürlich sehr homöopathisch im Moment.

Marco Herack: Das sind dann nur ein paar Cent pro Unternehmen. Das Prinzip könnte man ausbauen oder man gibt wirklich der BaFin die Kompetenzen. Aus dem Finanzministerium gibt es glaube ich da aktuell ein paar Bestrebungen.

Olaf Storbeck: Richtig. Der Vertrag mit der Bilanzpolizei DPR ist bereits gekündigt worden. Das finde ich ehrlich gesagt auch eine bemerkenswert schnelle Reaktion. Die Kündigungsfrist beträgt 18 Monate. Das muss man auch noch wissen, diese „Bilanzpolizei“ ist ein privatwirtschaftlich organisierter Verein. Es ist keine Behörde, sondern das ist im Grunde eine Selbstkontrolle. Aus meiner Sicht ist es ebenfalls ein Problem, dass die DPR vollständig außerhalb der Öffentlichkeit arbeitet. Das Einzige, was veröffentlicht wird, sind gegen Unternehmen verhängte Sanktionen. Das wird dann im Bundesanzeiger veröffentlicht.

Marco Herack: Man kann also nicht anrufen und erfragen, was aktuell untersucht wird.

Olaf Storbeck: Man kann da anrufen und danach fragen, das habe ich auch gemacht, aber dann ist die Antwort, dass sie dazu keine Auskunft geben, da sie gesetzlich zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Es gibt noch eine zweite Kontrolleinrichtung, die APAS. Die APAS prüft nicht die Unternehmensbilanzen, sondern die Arbeit der Wirtschaftsprüfer. Wir haben aus verlässlichen Quellen Informationen, dass die APAS aktuell auch EY zu Leibe rückt und prüfen, wie EY gearbeitet hat. Das ist aber ebenfalls komplett außerhalb der Öffentlichkeit. Selbst wenn es Sanktionen geben würde, würde das nicht veröffentlicht. In anderen Ländern ist das anders. In Großbritannien oder den Niederlanden ist das ein öffentlicher Vorgang und da kann man sehen, welcher Wirtschaftsprüfer wo nicht genau gearbeitet hat.

Marco Herack: Von der APAS habe ich jetzt zugegebenermaßen auch noch nichts gehört.

Olaf Storbeck: Das ist schon erstaunlich angesichts der großen Bedeutung, die natürlich der ganze Vorgang der Wirtschaftsprüfung hat. Dass es da keine vernünftigen Checks and Balances gibt. Das ist eine der Lehren, die ich aus diesem Skandal ziehe. Und mir war vorher auch nicht klar, dass man Problemen entgehen kann, solange die Wirtschaftsprüfer Dinge testieren der den Jahresabschluss absegnen.

Marco Herack: Das ist sehr interessant, weil wenn ein börsendotiertes Unternehmen zum Beispiel seinen Jahresabschluss nicht rechtzeitig einreicht, dann erteilt die BaFin eine Strafe, die man öffentlich einsehen kann. Da kann man sich die schwarzen bzw. schwärzesten Schafe begutachten und erhält dann auch die Namen. An dieser Stelle ist man schon weiter als bei den nachgelagerten Instanzen.

Olaf Storbeck: Es gibt bezüglich der Börsen aber zwei Sanktionsmechanismen. Das habe ich auch im Zuge der Wirecard-Recherche gelernt. Es gibt einerseits die Sanktionen, wenn gegen die HGB-Vorschriften zur Publizität verstoßen wird. Die mögen öffentlich sein, das war mir ehrlich gesagt nicht bekannt, weil das im Wirecard-Fall nicht relevant ist, da es durch Corona momentan auch längere Fristen gibt. Parallel dazu gibt es noch von der Frankfurter Wertpapierbörse einen Sanktionsausschuss, der wiederum nicht öffentlich tagt. Die Börse hat sich lediglich dahingehend geäußert, dass erwogen werde, ein Verfahren zu eröffnen. Aber schon die Tatsache, ob ein solches Verfahren eröffnet wurde, ist geheim.

Marco Herack: Der Ausschuss ist aber glaube ich dafür da, die Börsenregularien umzusetzen.

Olaf Storbeck: Richtig, aber zu den Börsenregularien gehört auch, dass vier Monate nach Ende des Geschäftsjahres der testierte Jahresabschluss veröffentlicht werden muss.

Marco Herack: Was Wirecard nicht gemacht hat.

Olaf Storbeck: Was Wirecard nicht gemacht hat und wozu es keine Ausnahmen und keine Fristverlängerung wegen Corona gibt. Aber selbst wenn es da eine Sanktion gibt, wird diese später nur anonymisiert veröffentlicht. Und wenn man das genau verfolgt oder jemanden hat, der einen darauf hinweist, worauf man achten muss, dann kann man darauf schließen, welches Unternehmen das war, dann kann man auf große Fälle wiederum Rückschlüsse ziehen. Es ist nicht so sehr anonymisiert, dass man es gar nicht erkennen könnte. Aber es wird zum Beispiel nicht geschrieben, dass Steinhoff 100.000,00 € Strafe erhalten hat für eine verspätete Abgabe, sondern da steht nur drin, ein im Prime Standard gelistetes Unternehmen, welches in Amsterdam ansässig ist usw. Ehrlich gesagt sind aber auch diese Strafen letztendlich Portokasse für die Unternehmen. Steinhoff hat 100.000,00 € Strafe erhalten, das ist wirklich nicht viel. Auch die Tatsache, dass Wirecard bis September als insolventes Unternehmen noch im DAX ist, finde ich relativ unglaublich.

Marco Herack: Ja, bei einer Insolvenz mit Masseunzulänglichkeit wären sie sofort rausgefallen. Aber ich glaube, es dauert noch, bis der Insolvenzverwalter das feststellt. Es gibt Maßnahmen und Sanktionen der BaFin, Wertpapieraufsicht, nichtanonymisierte Bekanntmachungen, schöne Liste. Werden wir auch noch verlinken. Dann wären wir mit dem Part durch. Es gibt einen, über den wird fast nie geredet bei dieser Wirecard. Auch von dir interessanterweise nicht. Der Aufsichtsrat. Eigentlich ist es Aufgabe des Aufsichtsrats, den Vorstand zu kontrollieren, oder nicht?

Olaf Storbeck: Ja, sollte man meinen. Aber das funktioniert in aller Regel schon bei normalen Unternehmen nicht besonders gut. Bei Wirecard war es aus meiner Sicht ein Komplettversagen. Der Aufsichtsrat war lange Zeit eine vollständige Lachnummer. Ein Beispiel dafür. Kurz nachdem diese Berichterstattung bei uns über die nicht auffindbaren Kunden war, habe ich Mitte Oktober den damaligen Aufsichtsratschef Wulf Matthias angerufen und kurz mit ihm darüber gesprochen, was er dazu meint und ober er der Meinung ist, dass es eine Sonderprüfung geben sollte. Er hat mir Freitagsnachmittags mitgeteilt, eine Sonderprüfung sei nicht nötig, die Wirecard würde einen guten Job machen und der Aufsichtsrat hätte auch Besseres zu tun, als sich mit einem solchen Quatsch zu beschäftigen, es gäbe schließlich immer mal wieder Vorwürfe. Ein paar Tage später, am Montag, hat dann Wirecard die Sonderprüfung bekanntgegeben, die bei KPMG in Auftrag gegeben wurde. Selbst der Aufsichtsratschef war offensichtlich nicht richtig informiert. Gut, das ist ein alter Mann, der ist 75, und ist auch Anfang des Jahres ausgetauscht worden oder zurückgetreten. Sein Nachfolger, Thomas Eichelmann, war früher zwei Jahre Finanzvorstand der deutschen Börse, war dann sehr lange Chef einer privaten Vermögensverwaltung. Er ist im Grunde angetreten mit dem Anspruch, dass er alles aufräumt und die Arbeit des Unternehmens professionalisieren würde. Er hat jedoch auch die ganze Zeit es nicht für möglich gehalten, dass Wirecard tatsächlich zu großen Teilen ein Betrugsgeschäft ist. Ich glaube, er hat deswegen viel zu lange Markus Braun und Jan Marsalek vertraut und diese Kritik auch nicht wirklich ernstgenommen.

Marco Herack: Faszinierend. Aber immerhin, KPMG usw. gab es dann und wenigstens die haben ihren Job gemacht. Vielleicht zum Abschluss noch eine Frage. Es gibt diese ganz interessante Beobachtung, dass Ende Q3 900 Mio. Schulden waren. Die sind dann auf 1,6 Mia. erhöht worden. Rein gefühlt, ohne irgendwelche Verbindlichkeit, glaubst du, die haben gewusst, dass alles auffliegt und haben nochmal alles rausgeholt, was ging? Wer auch immer es war?

Olaf Storbeck: Diese 900 Mio. bezieht sich glaube ich auf die revolvierende Kreditlinie, die Ende des dritten Quartals bei 900 stand. Es ist so, auch wenn ein Großteil der Umsätze erfunden war, waren die Kosten echt. Wirecard hat ungefähr 300 Mio. im Jahr an Personalkosten, 150 Mio. RND, 150 Mio. sonstige Kosten, Büro, Technik, IT usw. Diese 600 Mio. oder 700 Mio. Kosten muss man auch irgendwie finanzieren. Und wenn der wirkliche Umsatz nur ein Drittel von dem ist, den man wirklich ausweist, hat man unterm Strich einen ziemlichen Cashburn. Offenbar ist dieses Geschäft, welches echt ist, und das, was in Europa liegt, nicht besonders profitabel, wenn es überhaupt profitabel ist. Ein Teil ist dadurch wahrscheinlich zu erklären, dass Wirecard Geld verbrannt hat und dadurch auf Fremdmittel angewiesen war, um das Unternehmen aufrecht zu erhalten und um die Gehälter bezahlen zu können.

Marco Herack: Was dann aber auch hieße, dass Wirecard eigentlich immer größeres Wachstum erzeugen musste, um wieder diese Kreditlinien erhöht zu bekommen.

Olaf Storbeck: Das war ein Punkt, der manchen Leuten als echtes Warnsignal aufgefallen ist. Dass Wirecard als Zahlungsdienstleister immer wieder Kapitalerhöhungen gemacht haben, erst in den Anfangsjahren, und dann immer wieder ziemlich viel Fremdkapital aufgenommen haben, welches man eigentlich in der Branche nicht braucht. Es ist wie gesagt kein besonders kapitalintensives Geschäft und normalerweise hat man einen guten Cashflow und benötigt nicht viel Fremdkapital. Das hat Wirecard nie vernünftig erklären können, wofür das gebraucht wurde. Mittlerweile wissen wir, sie brauchten es entweder, um es sich in die eigene Tasche zu stecken, und/oder um das Unternehmen aufrecht zu erhalten.

Marco Herack: Olaf Storbeck, ich bedanke mich für das Gespräch und die Aufklärung. Ich hoffe, du hast in nächster Zeit noch ein paar ruhigere Tage und nicht so eine anstrengende Zeit wie die letzten Wochen.

Olaf Storbeck: Ja, was ich Markus Braun persönlich übel nehme ist, dass er mir einen Strich durch unseren für letzte Woche geplanten Urlaub gemacht hat, den ich dann abgesagt habe, weil es klar war, dass das alles wahrscheinlich doch relativ schnell gehen wird.

Marco Herack: Also dann, Olaf, vielen Dank. Bald einen schönen Urlaub und ich hoffe, wir sprechen uns in einer angenehmeren Sache wieder. Für die, die sich nicht mehr erinnern, Olaf Storbeck hatten wir schonmal da für seine großartige Bierrecherche über den deutschen Brauereimarkt.

Olaf Storbeck: Genau.

Marco Herack: Ganz anderes Thema. Die verlinke ich auch nochmal, da könnt ihr dann auch nochmal reinhören. Also Olaf, bis bald, Tschüss.

Olaf Storbeck: Alles klar, danke, Tschüss.

Posted by Marco Herack

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